1. Mainzer Nachttanzdemo: 1.000 Menschen ertanzten sich das “Recht auf Stadt”

Klar. Dass die Mainzer politisch feiern können, wissen wir alle schon aus dem Fernsehen, von „Mainz, wie es singt und lacht”. Doch anstatt von Helau und Ufftata groovten am vergangenen Samstag fette Beats und live Freestyle-Hip Hop durch die Straßen von Mainz.

Über 1.000 überwiegend junge Menschen ließen sich die allererste Nachttanzdemo, die Mainz je gesehen hat, nicht entgehen. Je nach Musikgeschmack verteilten sich die Leute aus Mainz und dem ganzen Großraum Rhein-Main-Neckar um die drei DJ-Wägen und ließen fast drei Stunden lang eine wahnsinnig gute Stimmung aufkommen.

Wirtschaftsfreundliche Umgestaltung grenzt Menschen aus

Bei aller guten Laune war der politische Hintergrund der von der Mainzer Gruppe diskursiv organisierten Nachttanzdemo durchaus ernst zu verstehen. Denn auch in Mainz werden städtische Lebensbereiche seit Jahren zunehmend kommerzialisiert und privatisiert: „Immer mehr Menschen werden vom kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Stadtleben ausgeschlossen. Zugleich bleibt für eine selbstbestimmte Gestaltung der Lebenswelt immer weniger Raum.“ kritisiert Ulrike von diskursiv. „So geht die Schere auseinander, und ganze Bevölkerungsgruppen werden in Rückzug, Isolation und Resignation gedrängt. Oder gleich ganz aus der Stadt heraus, schließlich können sich Menschen ohne hochdotierten Job das Leben hier kaum mehr leisten.“

Während ihrer drei Kundgebungen am Hauptbahnhof und auf der Großen Bleiche (Ecke Bauhofstraße) thematisierten die beteiligten Gruppen aus Mainz, Worms, Mannheim und Heidelberg Ursachen und Symptome kapitalistisch geleiteter Stadtpolitik. „Unter dem Konkurrenzdruck des globalen Wettbewerbs um Ressourcen und Investitionen verkommen Städte immer mehr zu Unternehmen. Städtische Räume werden nicht menschen-, sondern wirtschaftsfreundlich gestaltet“, kritisierte ein Redner von diskursiv.

Gentrifizierung überall, wo man hinsieht

Als konkrete Beispiele aus Mainz wurden die Umgestaltungsprojekte an Winter- und Zollhafen herausgearbeitet, Kritik fanden aber auch die Vertreibung der Bunten Liga von der Zitadelle, das Grillverbot am Rheinufer oder der Ersatz des Studierendenheims Gonsenheim durch eine neue, für die meisten unbezahlbare Anlage. „360 Euro für ein Wohnheimzimmer kann sich kaum ein Studierender leisten.“ Hinzu kämen Wohnraumknappheit, deutliche Mietsteigerungen bei der städtischen Wohnbaugesellschaft, die unlängst mittels einer Finanzspritze von 300 Mio. Euro vor dem Konkurs gerettet werden musste, und ein entsprechend rapide steigender Mietspiegel.

Ein ähnliches Bild von Mannheim zeichnete die Anarchistische Gruppe Mannheim: „Wo früher Migrant_innen, Menschen mit geringen Einkommen, Studierende und Künstler_innen lebten, entstehen heute teure In-Viertel.“ Und eine Vertreterin des Hessischen Flüchtlingsrats aus der Nachbarstadt Wiesbaden berichtete über Ausgrenzung, Marginalisierung und Ghettoisierung von Migrant_innen.

Das in norddeutschen Metropolen wie Hamburg oder Berlin unter dem Fachbegriff Gentrifizierung mittlerweile allseits bekannte Phänomen ist im Süden noch nicht sonderlich bekannt, „und das obwohl hier keinen Deut weniger Gentrifizierungspolitik stattfindet,“ wie Pancho vom Kritischen Kollektiv aus Worms anmerkt, „kein Wunder, denn den kapitalistischen Marktgesetzen kann niemand entfliehen.“ Da mache auch die Parteifarbe der Regierenden keinen nachhaltigen Unterschied, denn „ob schwarz, rot, gelb oder grün – wer den Kapitalismus nicht insgesamt überwinden will, wird immer im Hamsterrad der Standortkonkurrenz gefangen bleiben.“

Das Recht auf Stadt ertanzen und erkämpfen

Unter solchen Rahmenbedingungen bleibe den Bewohner_innen der Stadt nur der Weg, sich ihr Recht auf Stadt zu erkämpfen und ihr Lebensumfeld nach ihren Vorstellungen und Bedürfnissen zu gestalten. Mit der Nachttanzdemo erobere man sich die Stadt spielerisch und kreativ immerhin für ein paar Stündchen.

„Ein vielversprechender Auftakt“ freuten sich die Gruppen aus den Nachbarstädten, darunter auch die beiden Heidelberger Gruppen Kritische Initiative und Party & Activism. Sie kündigten an, gerne wiederzukommen, „so langsam geht hier in Mainz ja echt was!“ Auch die Mainzer Veranstalter_innen waren beeindruckt, hatten sie doch niemals mit so vielen Teilnehmer_innen gerechnet. Viele neue Gesichter habe man gesehen, vor allem hätten sich im Lauf der dreistündigen Runde durch die Innenstadt immer mehr Leute angeschlossen.

Rebelvoice Sound mit DJ Skaot, Jewelz, Kyrill & Stagerocka wussten mit breitgefächerter Musik von Elektro über Balkan-Beats und Ska bis Hip-Hop viele Passant_innen und Besucher_innen der gleichzeitig stattfindenden Mainzer Kulturnacht mitzureißen. Aber auch Straßentheater und Feuerspiele und nicht zuletzt die ausgelassene Stimmung der bunten Crowd waren ausgesprochen einladend. Zugleich zeigten die Teilnehmer_innen großes Interesse an den Inhalten. Einige unterstrichen ihre Forderungen durch demonstratives Verantwortungsbewusstsein und säuberten die besuchten Straßen und Plätze.

Auseinandersetzungen gab es keine. Die Polizei, die mit einem völlig unverhältnismäßigen Aufgebot angetreten war, eskortierte den Demozug durch die Stadt. Auch die hohe Zahl von Zivilbeamten fiel unangenehm auf, zumindest gingen von der Polizei keine größeren Störungen aus.

Gentrifizierung bleibt Thema in Mainz

Während die Lokalpresse über das Event recht positiv berichtete und vor Ort Statements von Besucher_innen per Video einfing, schrieben ddp und Frankfurter Rundschau von den sachlich falschen und diffamierenden Pressemitteilungen der Polizei sowie der CDU Mainz-Altstadt ab. Auch die FAZ brachte einen Verriss, mit dem die Veranstalter_innen aber ebenso gut leben können wie die 1.000 Teilnehmer_innen. „Wer dabei war, hat die tolle Stimmung mitbekommen, die Musik war der Hammer, und die Reden waren gut gemacht,“ berichtet eine Teilnehmerin, die mit Freunden aus Darmstadt angereist war.